Shrimps oder Garnelen

Leckerbissen mit Beigeschmack

Shrimps, auch Garnelen genannt, werden zunehmend in Aquakulturen an tropischen Küsten gezüchtet. Einst von der FAO (Food and Agriculture Organisation) als Lösung des Eiweiß-Problems in den Ländern der 'Dritten' Welt gepriesen, entstanden im Laufe der 80er Jahre in Mittel- und Südamerika, Südostasien und später auch in Indien tausende von Shrimps-Farmen. Diese Entwicklung, auch als "blaue Revolution" bezeichnet, wurde von der Weltbank und den Entwicklungshilfe-Programmen der Industrieländer massiv gefördert. Statt die Ernährungssituation in den Entwicklungsländern zu verbessern, ist die Zucht von Garnelen aber zu einem Riesengeschäft für eine Minderheit geworden. Die Zuchtgarnelen werden fast ausschließlich nach Japan, USA und Europa exportiert, wo die Nachfrage nach dem Leckerbissen ständig steigt. Die Bevölkerung in den Entwicklungsländern dagegen leidet unter den ökologischen und sozialen Folgen dieser Produktionsweise.

Liebhaber von Meeresfrüchten wissen, daß Shrimps mit einer verwirrenden Vielfalt an Bezeichungen im Handel angeboten werden. Bei Krabben, Gambas, Camarones oder Crevetten handelt es sich jedoch immer um Garnelen aus der Großgruppe der Krustentiere, deren Lebensraum entweder die kalten, tiefen Gewässer des nördlichen Atlantiks oder die warmen Meere der Tropen sind.

Während Shrimps vor Jahren noch eine Delikatesse für Feinschmecker waren, haben sie sich heute vom Luxusartikel zum erschwinglichen Nahrungsmittel gewandelt. Der steigende Bedarf in den Industrienationen und der Rückgang der Erträge aus Wildfang aufgrund der Überfischung der Meere führte Anfang der 80er Jahre zur Entstehung von industriellen Zuchtanlagen an tropischen Küsten. Heute sind schon rund ein Drittel der weltweit gehandelten Garnelen in Aquakulturen gezüchtet. Hauptproduzenten sind Thailand, Ecuador und Indien, die zusammen etwa zwei Drittel der Weltproduktion erzeugen.

Biologie der Garnelen

Der Lebenszyklus tropischer Garnelen beginnt im offenen Meer, wo das weibliche Tier rund 100.000 Eier ablegt. Innerhalb von 24 Stunden schlüpfen die Larven, die nach etwa zwei Wochen in die nährstoffreichere Küstennähe schwimmen und dort im Schutz der Mangrovenwälder vom Larven-Stadium zu ausgewachsenen Tieren heranwachsen. Diesen Zyklus haben Fischer schon seit langem genutzt, indem sie bei Flut angespülte Larven in überschwemmungsbecken zurückhielten. Die Garnelen wurden oft zusammen mit anderen Krebstieren für die Versorgung der lokalen Märkte ohne Zufütterung herangezüchtet. Besonders in Asien war der Wechsel zwischen Reisanbau und der Aufzucht von Garnelen ein wichtiger Bestandteil der Nahrungssicherung. Die Erträge sind dabei zwar gering, dafür belastet diese traditionelle Nutzung die Umwelt kaum.

Mangrovenwald - Kinderstube vieler Fischarten Wenn Shrimps-Farmen angelegt werden, dann am besten dort wo Mangrovenwald steht. Hier sind die Bedingungen optimal - und nur selten erhebt jemand Anspruch auf das Land

Die industrielle Shrimpszucht

Heute ersetzen Aquakulturen diese Form der traditionellen Nutzung. Entlang von tropischen Küsten, bevorzugt an Flußmündungen, werden großflächig Becken für die intensive Garnelenzucht ausgebaggert. Die Mischung von Salz- und Süßwasser schafft ideale Lebensbedingungen für die Garnelen. Durch hohe Besatzdichten von bis zu 600.000 Tieren pro Hektar Fläche und die Zufütterung von eiweißreichem Fischmehl werden höchste Erträge erzielt. Diese Massentierhaltung auf engstem Raum ist sehr störanfällig und erfordert die ständige Kontrolle der Wasserqualität sowie einen täglichen Wasseraustausch in den Zuchtbecken. Dem Ausbruch von Krankheiten wird durch massiven Einsatz von Antibiotika und Pestiziden sowie eine regelmäßige Chlorung des Wassers vorgebeugt. Trotzdem traten beispielsweise in Thailand schon Ende der 80er Jahre große Verluste durch Seuchen auf und 1994/1995 brach die indische Produktion aufgrund einer Virusepidemie zusammen.

Ökoschäden sind unvermeidbar

Die Shrimpsindustrie verursacht weitreichende Schäden an der Umwelt. Die offensichtlichste Auswirkung ist die großflächige Zerstörung der Mangrovenwälder. Nach Schätzungen der FAO wurde in den letzten Jahrzehnten über die Hälfte dieser ökologisch besonders wertvollen Wälder zerstört.

Die Belastungen durch Shrimpszucht beschränken sich nicht auf die Zerstörung der Küstenwälder. Garnelen sind schlechte Futterverwerter. Für die Produktion von einem kg Shrimps werden zwei bis drei kg Fischmehl verfüttert. Etwa ein Drittel des eingesetzten Futters verfault bevor es gefressen wird und zwingt zu einem ständigen Wasseraustausch. Die Abwässer aus den Becken führen häufig zur Versalzung der umliegenden Böden und zur überdüngung der Küstengewässer.

Der enorme Bedarf an Süßwasser hat häufig eine Absenkung des Grundwasserspiegels in der Region zur Folge. Im thailändischen Distrikt Ranot wurden für jede produzierte Tonne Shrimps täglich 33.000 Liter Trinkwasser genutzt. Der Grundwasserspiegel, der 1989 noch drei Meter unter der Erdoberfläche lag, sank bereits drei Jahre später auf sieben Meter ab. In Thailand stieg außerdem die Versalzung der Böden so drastisch an, daß der Reisanbau in der Umgebung von Shrimpsfarmen unmöglich wurde. Auch Indien und Bangladesh sind von solchen Entwicklungen betroffen.

Shrimps-Farm in Honduras Von oben sieht man, daß vom ehemaligen Mangrovenwald nicht viel übrigbleibt. Diese Uferregion hat ihre biologische Funktion verloren und sie ist durch die Eingriffe zur Belastung für die Region geworden

Die Massentierhaltung verursacht weitere Probleme, von denen dann auch die Konsumenten betroffen sind. Die industrielle Produktion von Garnelen erfordert den Einsatz von Pestiziden und Antibiotika, da die unter Dauerstreß stehenden Tiere sehr anfällig für Parasiten und Krankheitserreger sind. In Ecuador wird beispielsweise Chloramphenicol zur Vorbeugung gegen Bakterienerkrankungen eingesetzt, ein Mittel, das in der EU für die Verwendung in der Tierproduktion verboten ist, da es krebserregend ist und zu Knochenmarkverlusten führen kann. In gefrorenen Garnelen aus Asien und Lateinamerika wurden Rückstände von Tetrazyklin gefunden, einem Antibiotikum, das als eine der letzten Reserven für die Behandlung von Menschen gilt. Gelangen Antibiotika durch unkontrollierten Einsatz vermehrt in die Umwelt, gelingt es den Erregern Resistenzen gegen das Medikament zu entwickeln. Langfristig verlieren die Antibiotika so ihre Wirkung zur Bekämpfung von Krankheitserregern.

Weitreichende soziale Folgen

Die durch die Aquakultur entstehenden Schäden an der Umwelt verändern die Lebenssituation der lokalen Bevölkerung tiefgreifend. Der Verlust der Mangrovenwälder ist für die Küstenfischerei besonders schlimm, da der Fischnachwuchs aus den Mangroven ausbleibt. Der Anbau von Reis, dem Hauptnahrungsmittel in Asien, wird durch die Versalzung der Böden vielerorts stark beeinträchtigt. Die großflächige Verbauung der Küstenregionen verwehrt den Menschen häufig den Zugang zu ihren ehemaligen Fischgründen. Wertvolle landwirtschaftliche Flächen werden durch die Produktionsanlagen verbaut. Nach Aufgabe der Farmen sind die Böden meist so verschmutzt, daß eine Regeneration kaum möglich ist. Der erhoffte Wohlstand durch den neuen Industriezweig blieb bisher für den Großteil der Bevölkerung aus. Indischen Umweltgruppen zufolge schafft eine Shrimpsfarm durchschnittlich 15 Arbeitsplätze. Weitere 50 Personen werden benötigt, um die Sicherheit der Anlage zu gewährleisten. Demgegenüber stehen bis zu 50.000 Menschen, die von Landverlust, Entzug ihrer traditionellen Lebensgrundlagen und Ernteeinbußen betroffen sind.

Widerstand formiert sich

Angesichts der fatalen sozialen und ökologischen Folgen der Shrimpsindustrie formiert sich weltweit Widerstand. In Ecuador demonstrierten Fischer gegen die industrielle Garnelenzucht und forderten zum Boykott der Zuchtshrimps auf. In Indien begannen Frauengruppen eine Kampagne gegen die Shrimpsindustrie und reichten 1996 eine Klage beim obersten Gerichtshof ein. In einem Urteil wurde entschieden, daß der Großteil der nichttraditionellen Produktionsanlagen stillgelegt, die Flächen rekultiviert und die Bauern und Fischer entschädigt werden müssen. Doch der Sieg auf dem Papier hat wenig Folgen für die Praxis, wie der Fall des Chilika Sees im Nordosten Indiens zeigt. Nachdem sich die illegalen Farmen auch nach dem Gerichtsurteil nicht zurückzogen, drohten Fischer mit der Zerstörung der Anlagen. Nach einem verstrichenen Ultimatum kam es im Mai 1999 zu Ausschreitungen. Tausende von Betroffenen beschädigten elf Farmen bevor die Polizei das Feuer eröffnete und vier Personen tötete.

Auf internationaler Ebene wurde 1997 das "Industrial Shrimp Action Network" (ISA-Net) gegründet, an dem Produzenten- und Verbraucherorganisationen aus 14 Ländern beteiligt sind. Eine Forderung des ISA-Net ist es, den Ausbau der Shrimpsindustrie zu stoppen und die bestehenden Anlagen strengen Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen zu unterziehen. Gleichzeitig muß die betroffene Bevölkerung an Entscheidungen beteiligt werden. Renaturierungsmaßnahmen von Mangrovenwäldern sollen an geeigneten Stellen in die Wege geleitet werden. Bis diese Kriterien erfüllt sind, ist es noch ein weiter Weg. Fest steht jedoch, daß eine Steigerung des Garnelen-Konsums den Druck auf die letzten Mangroven weiter erhöhen wird. Auch langfristig kann der derzeitig hohe Bedarf nicht durch eine ökologisch nachhaltige und sozial verträgliche Produktion gedeckt werden.

Da die Problematik bisher weitgehend unbekannt ist, ist für das Frühjahr 2000 eine Aufklärungstour innerhalb Europas geplant, an der sich auch Pro REGENWALD beteiligen wird. Vertreter aus den betroffen Ländern sollen europäischen Verbrauchern die Folgen ihres Konsumverhaltens erläutern und ein Bewußtsein für die Thematik schaffen. Letztendlich liegt es an unserer Kaufentscheidung, weiter zur Vernichtung von Naturräumen und Lebensgrundlagen durch die Shrimpszucht beizutragen - oder zu verzichten.

Zerstörung der Mangroven

Mangrovenwälder sind ein sensibles Ökosystem an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land. Sie stabilisieren die Küste und verhindert Erosion und überschwemmungen. Mangroven stellen zudem eine wichtige Ressourcenquelle für die Bevölkerung dar. Sie versorgen die Menschen mit Bau- und Brennholz, Früchten, Gerbstoffen und pflanzlichen Heilmitteln. Als Brutstätte für viele Krebstiere und Fische sichern die Küstenwälder die Ernährung der Bevölkerung, die traditionell vom Fischfang lebt.

Schätzungen zufolge ist die Shrimpsindustrie durchschnittlich "nur" für etwa zehn Prozent der Mangrovenverluste verantwortlich. In Ländern mit größerer Produktion wie beispielsweise Thailand geht jedoch nahezu ein Fünftel davon auf das Konto der Garnelenfarmen, auf den Phillippinen sind es sogar 75 Prozent.

Die Auswirkungen der Mangrovenzerstörung sind bereits sichtbar. So forderte eine Sturmflut im Jahre 1991 in Bangladesh 1000 Menschenleben. Bei einer vergleichbaren Flut im Jahre 1960, also noch vor dem Verlust der Mangroven, kam niemand zu Schaden. Eine Befragung ecuadorianischer Fischer ergab, daß die Fischfangerträge mit der Mangrovenvernichtung in den letzten zehn Jahren um bis zu 90 Prozent zurückgingen - eine dramatische Entwicklung, die der Küstenbevölkerung die Lebensgrundlagen entzieht.