Shrimps oder Garnelen

Eine Frage des guten Geschmacks

Shrimpsfarmen - zerstörte Landschaften für den kulinarischen Kick

von Marcus Hardtke

"Ich glaube, daß jene, die Shrimps konsumieren - und es sind die Reichen der industrialisierten Länder, die Shrimps essen - zur gleichen Zeit auch das Blut, den Schweiß und die Nahrung der armen Menschen in der Dritten Welt zu sich nehmen."

Diese Worte eines indischen Menschenrechtlers beschreiben treffend den heutigen Zustand einer Industrie, deren zerstörerische Wirkung auf tropische Küsten bekannt und berüchtigt ist. In den siebziger Jahren als preiswerte Eiweißversorgung für die Länder der Dritten Welt propagiert und durch internationale Organisationen im großen Stil gefördert, hat sich die industrielle Garnelenproduktion zu einem Multimillionen-Dollar Geschäft entwickelt, mit fatalen Folgen für Mensch und Natur.

Mit einem jährlichen Handelswert von mehr als sechs Milliarden US Dollar sind die großen Garnelenarten, gemessen an ihrem Marktpreis, die wertvollste aller lebenden marinen Ressourcen. Sie sind international begehrte Luxusartikel und die Nachfrage steigt ständig. Besonders für Entwicklungsländer ist der Handel mit der hochwertigen und teuren Produktgruppe eine bedeutende Devisenquelle. Indien beispielsweise, der siebtgrößte Fischexporteur der Welt, verkaufte 1995/96 Meerestiere im Wert von 1,1 Milliarden US Dollar. 60 Prozent des Exporterlöses stammten aus der Shrimpsproduktion.

Als Antwort auf wachsende Märkte und steigende Preise in den Industrienationen entwickelte sich seit den fünfziger Jahren eine industrielle Shrimpsfischerei in Lateinamerika, Afrika und Asien. Von Regierungsseite und ausländischen Investoren massiv unterstützt, vergrößerten sich die Fangflotten rasch. Die hohen Gewinnspannen und die Exportorientierung des Garnelenhandels machen dieses Geschäft auch für internationale Kreditgeber als Mittel zur Schuldentilgung interessant. So fördert die Weltbank seit den achtziger Jahren den Ausbau der industriellen Garnelenzucht mit Millionenkrediten. Infolge solcher Anstrengungen konnte die Weltproduktion von 1980 bis 1991 um 57 Prozent gesteigert werden. Etwa ein Drittel der internationalen Shrimpsernte - circa 900.000 Tonnen - geht in den internationalen Handel. Mehr als 90 Prozent davon landen auf den Tischen von Feinschmeckern in den USA, Japan und der EU.

Während die USA und Japan seit langem die Hauptimporteure von tropischen Garnelen sind, bevorzugten die Verbraucher in der EU bisher eher die Kaltwasserarten der nördlichen Meere. Die überfischung dieser Bestände und Preissenkungen für tropische Shrimps bewirkten, daß sich diese Produkte seit Anfang der neunziger Jahre auch in Europa dauerhaft am Markt etablierten. Hauptexporteure sind vor allem die Länder Südostasiens, China, Indien und Ecuador. Da auch die Erträge ihrer Fangflotten aufgrund der übernutzung der Bestände vielerorts sinken, forcieren diese Staaten mehr und mehr den Aufbau der kommerziellen Garnelenzucht. Die Steigerungen der Produktion in den letzten Jahren sind vor allem auf den Ausbau der Shrimp-Aquakultur zurückzuführen.

Betrug der Anteil der in Shrimpsfarmen gezüchteten Tiere an der weltweiten Produktion 1980 nur 5,3 Prozent, waren es 1995 bereits 27 Prozent. Es ist zu erwarten, daß in wenigen Jahren die Hälfte des internationalen Marktes durch Garnelen aus Aquakultur gedeckt werden wird. Die Produktion tropischer Garnelen verteilt sich zur Zeit auf drei Großräume : Die Länder Südostasiens bedienen heute über 60 Prozent des Marktes. Bereits 1991 dominierte der südostasiatische Raum mit 51 Prozent der Weltproduktion (372 000 Tonnen) den internationalen Markt. Die Währungseinbrüche der letzten Monate zeigten kaum Auswirkungen auf die Shrimpsindustrie, da diese Branche ihren Zahlungsverkehr fast ausschließlich in US-Dollar abwickelt. Auch in Indien und Bangladesh wird seit Beginn der neunziger Jahre der Ausbau der industriellen Aquakultur vehement vorangetrieben. In der westlichen Hemisphäre verzeichnen einige Staaten Lateinamerikas starke Produktionszuwächse. Marktführer ist hier Ecuador (vergl. Meyerhöfer, in Ökozidjournal Nr.10).

Die Aufzucht von Garnelen in küstennahen Teichanlagen oder saisonal überfluteten Reisfeldern hat eine lange Tradition in den Tropen. Seit Jahrhunderten nutzen die Menschen in den Küstenregionen Shrimpslarven, die durch Gezeiten und Strömungen eingespült werden. Die Aufzucht erfolgte häufig in Kombination mit anderen Krebstieren oder Fischen. Besonders in Asien war der Wechsel zwischen Reisanbau und der Aufzucht von Garnelen ein wichtiger Bestandteil der lokalen Nahrungssicherung. Die mit dieser Methode erzielten Erträge waren eher gering und hauptsächlich für die Eigenversorgung oder die örtlichen Märkte bestimmt. Mit der Entwicklung intensiver Aufzuchtverfahren eröffneten sich neue Möglichkeiten für die Shrimpskultur. Zusätzliche Fütterungen, künstlicher Wasseraustausch und eine höhere Jungtierkonzentration in speziell angelegten Teichen bewirkten gewaltige Ertragssteigerungen. Ausgehend von Taiwan, das als erstes Land die kommerzielle Garnelenzucht einführte, verbreiteten sich intensive Zuchtmethoden rasch an vielen geeigneten Standorten im südostasiatischen Raum.

Mehrere Faktoren begünstigten die Entwicklung von der Subsistenzwirtschaft zu hochmoderner Agrarindustrie. Im Zuge der "Blauen Revolution" propagierte in den siebziger Jahren die UN-Ernährungsorganisation (FAO) den Ausbau der Aquakultur. Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährungsprobleme einer wachsenden Weltbevölkerung galten Zuchtgarnelen als echte Alternative für die Eiweißversorgung der Länder des Südens. Die steigende internationale Nachfrage nach hochwertigen, cholesterinarmen Zuchtshrimps bewirkte jedoch, daß heute fast ausschließlich für den lukrativen Exportmarkt produziert wird. Die Exportquote für gefrorene Garnelen liegt in Thailand bei ca. 94 Prozent und in Indonesien bei 96 Prozent (Uthof 1995). Zuchtanlagen wurden häufig in einen bestehenden Verbund von Produktions,- Absatz- und Dienstleistungsunternehmen integriert und Neugründungen durch günstige Darlehen erleichtert. Damit einher ging der Aufbau einer Futtermittel- und Verarbeitungsindustrie, die den Zuchtbetrieb weiter vereinfachte.

Die Zuchterfolge beim Giant Tiger Shrimp, Penaeus monodon, einer Schlüsselspezies für die Aquakultur, beschleunigten das Wachstum dieser Industrie und machten Südostasien seit Mitte der achtziger Jahre zum bedeutendsten Produktions- und Exportzentrum für Zuchtgarnelen.

Thailand ist heute der größte Produzent von Aquakulturgarnelen. Der neue Wirtschaftszweig traf hier auf besonders günstige Bedingungen und entwickelte sich mit rasanter Geschwindigkeit. Noch 1970 bestand die thailändische Shrimpsindustrie größtenteils aus kleinen, extensiv bis halb-intensiv wirtschaftenden Betrieben an der nördlichen Golfküste. Sie verwendeten nur heimische Garnelenarten, die in geringen Bestandsdichten und mäßiger Zusatzfütterung mit Abfallfisch gehalten wurden. Mit dieser Technik wurden jährlich circa 5000 Tonnen erzeugt (Dallimore 1997). In den achtziger Jahren wurde die Shrimpsproduktion mit Hilfe taiwanesischer Zuchttechnologie stark intensiviert. Diese modernste Form der Garnelenzucht ist von natürlichen Zyklen weitgehend unabhängig. Sie ermöglicht riesige Besatzdichten und die höchsten Erträge pro Hektar, ist aber durch ihre Struktur, Monokultur und Massentierhaltung auf engstem Raum sehr störanfällig. Unbedingt erforderlich sind die ständige Kontrolle der Wasserqualität, die Verwendung von speziellem Futter und zusätzliche Luftzufuhr. Um eine überdüngung und den Ausbruch von Krankheiten zu vermeiden, werden täglich bis zu 30 Prozent des Wassers in den Zuchtbecken ausgetauscht.

Trotz derartiger Schwierigkeiten entstanden neue Farmen fast über Nacht an der gesamten Golfküste Thailands. Die Ertragssteigerungen und neuen Absatzmärkte im In- und Ausland sorgten dafür, daß intensiv wirtschaftende Betriebe bereits nach ein bis zwei Jahren hohe Gewinne einbrachten. Diese Aussichten veranlaßten sowohl Fischer und Kleinbauern als auch internationale Kapitalgesellschaften, in die Garnelenzucht zu investieren. Mit Steuererleichterungen und günstigen Darlehen förderte die thailändische Regierung den Kapitalfluß in die bis dahin strukturschwachen Küstengebiete. Das Geschäft mit den Krustentieren versprach enorme Profite. Reisfelder und Fischbecken wurden ungeachtet ihrer Eignung in Zuchtbecken umgewandelt.

In dieser Situation war an eine Regulierung oder Kontrolle der Entwicklung nicht zu denken. Die oft unsicheren Besitzverhältnisse erleichterten illegale Landnahmen im "Niemandsland" der Mangrovenwälder - auch Naturschutzgebiete wurden nicht verschont. Das Risiko war gering, denn selbst wenn es zu durchsetzbaren, gerichtlichen Entscheidungen gegen die Betreiber kam, reichte die Dauer des Verfahrens im allgemeinen aus, um die Betriebe in die Gewinnzone zu bringen (Uthoff 1995). Viel häufiger war der Ausbruch von Krankheiten in den Zuchtstämmen der Anlaß, Anlagen nach nur wenigen Ernten wieder aufzugeben und an anderer Stelle neu anzulegen. Fehlende Fachkenntnisse und kurzfristige Gewinnmaximierung kennzeichnen diese als "rape and run" bekannt gewordene Vorgehensweise, die in weiten Gebieten entlang der flachen Küsten des Golfs von Thailand dauerhafte Umweltschäden hinterließ.

In den späten achtziger Jahren verursachten Virusepedemien ein Massensterben unter den Zuchtshrimps und hatten die Schließung zahlreicher Farmen zur Folge, vor allem in den nördlichen Küstenregionen. ähnlich wie in Taiwan, wo die Produktion innerhalb eines Jahres von 100.000 auf 30.000 Tonnen fiel und sich seitdem nicht mehr erholte, bewies sich auch in Thailand die Empfindlichkeit großer Monokulturen und hoher Bestandsdichten gegenüber Störungen. Auch die Produktionstätten in China, Indonesien und in Indien haben mit diesen Problemen zu kämpfen. Um eine möglichst hohe Wasserqualität zu erreichen, setzen viele Züchter neuerdings auf die Chlorung und anschließende Entchlorung des Austauschwassers. In Thailand konzentriert sich die Produktion heute auf einige sehr intensiv wirtschaftende Betriebe an der Südostküste. Nachdem 1995 Rekorderträge von 220.000 Tonnen erzielt werden konnten, führten Seuchen wie "Yellow head", "White spot syndrome" und andere Virusinfektionen erneut zu Produktionseinbrüchen. Die weitere Steigerung der Erträge pro Hektar konnte die Rückgänge nicht ausgleichen. 1996 betrug die thailändische Produktion etwa 178.000 Tonnen (Dallimore 1997).

Trotz regionaler Unterschiede ist die Entwicklung der Shrimpsindustrie in Thailand weitgehend mit der in anderen Tropenländern vergleichbar. Zwar wurde bisher in keinem anderen Land ein derart hoher Intensivierungsgrad erreicht - in Thailand werden mittlerweile 85 Prozent der Zuchtanlagen intensiv bewirtschaftet - aber die Ausgangssituation und die Rahmenbedingungen entsprechen in vielen Ländern denen von Thailand in den achtziger Jahren. Auch die auftretenden Probleme und Folgeschäden sind identisch. Thailändische Unternehmen exportieren ihre Biotechnologie und sind bemüht, neue Gebiete in den Nachbarländern zu erschließen, so in Indonesien, den Philippinen und Malaysia. Besonders Kambodscha und Vietnam, wo bisher extensive Zuchtmethoden vorherrschten, sind von Interesse.

Die durch die Shrimpsindustrie verursachten Schäden sind ebenso vielschichtig wie weitreichend. Sie bedeuten tiefgreifende Einschnitte in die ökologischen, sozialen und ökonomischen Gefüge der betroffenen Gebiete, wobei die Art der Schädigungen vom Grad der Zuchtintensität abhängig ist (vergl. Häberle, in Ökozidjournal Nr.13).

Die offensichtlichste Auswirkung von Shrimpsfarmen ist die großflächige Vernichtung der Mangrovenwälder. Dieser, von weiten, flachen Küstenzonen im Grenzgebiet zwischen Süß- und Salzwasser geprägte Lebensraum, bietet ideale Bedingungen für die Anlage von Zuchtbetrieben. Da Küstenmangrovenwälder zudem in den meisten Ländern als wirtschaftlich wertlos gelten und preiswertes Staatseigentum sind, steigen die Abholzungsraten. Die expandierende Shrimpsindustrie trug entscheidend dazu bei, daß in den letzten Jahren bereits mehr als die Hälfte der tropischen Mangrovenwälder zerstört wurde (FAO 1995). Schätzungsweise eine Million Hektar Land beansprucht die Garnelenproduktion weltweit. Hunderte von Kilometern natürlicher Küstenvegetation wurden dazu in Monokultur-Aquafarmen umgewandelt, mit teilweise dramatischen Auswirkungen auf Menschen und Natur.

An der Schnittstelle zwischen Land und Meer übernimmt das ökosystem Mangrovenwald wichtige Funktionen für die angrenzenden Lebensräume. Es ist eng vernetzt mit den Lebensgemeinschaften der vorgelagerten Korallenriffe und Seegraswiesen, die es vor übermäßigem Sedimenteintrag schützt, während es gleichzeitig als natürlicher Küstenschutz für das Inland dient. Die Bedeutung von intakten Mangrovenwäldern für den Küstenschutz zeigte sich 1991 auf dramatische Weise. Damals starben in Bangladesh tausende Menschen durch eine Flutkatastrophe. Am schwersten traf es die Gebiete, in denen Shrimpsfarmen die Mangroven ersetzt hatten. Studien ergaben, daß bei einer vergleichbaren Sturmflut im Jahr 1960, vor der Vernichtung des Mangrovenpuffers, keine Verluste an Menschenleben zu beklagen waren.

Darüber hinaus sind die Mangroven Nahrungsquelle und Lebensraum für viele Fischarten, Muscheln und Krebstiere. Als Laichgrund und Lebensraum für Jungfische sind sie extrem wichtig. Wandernde Arten und viele Bewohner der Hochsee nutzen in bestimmten Lebensphasen den Schutz der Mangrovenwälder. Auch zahlreiche Vogel- und Reptilienarten profitieren vom reichhaltigen Nahrungsangebot.

Eine Zerstörung oder Fragmentierung der Wälder führt zu verstärkter Erosion und zu Landverlusten im Küstenbereich. Gleichzeitig kann Salzwasser ins Hinterland vordringen und den Naturhaushalt vollständig verändern. Die Anlage von Shrimpsfarmen führt immer auch zu erhöhten menschlichen Aktivitäten und verstärkter Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in den bis dahin meist unberührten Gebieten, was weitere Gefahren und Folgewirkungen für das ökosystem nach sich zieht. Wird eine Zuchtfarm nach einigen Jahren wieder aufgegeben, sind die Verschmutzungen und die Verdichtung des Erdreiches häufig so gravierend, daß eine natürliche Regeneration nur schwer möglich ist. Dies trifft besonders auf intensiv bewirtschaftete Betriebe zu. übrig bleibt eine Schlammwüste im Mangrovensumpf.

Doch nicht nur die direkte Zerstörung gefährdet die Natur in der Umgebung von Shrimpsfarmen. Garnelen sind als schlechte Futterverwerter bekannt. Große Teile der Nahrung verrotten ungenutzt am Boden der Becken und zwingen zum ständigen Wasseraustausch. Zur Versorgung von halb-intensiv und intensiv bewirtschafteten Garnelenbecken werden darüber hinaus enorme Mengen an Süß- oder Brackwasser benötigt, um Salzgehalt, Wasserstand, und Sauerstoffniveau zu regulieren. Dies führt rasch zu einer Absenkung und Versalzung des Grundwassers und zu Störungen des hydrobiologischen Gleichgewichts. Die Böden der Zuchtbecken und die umliegenden Flächen versalzen. Die Vegetation wird geschädigt.

Das Auspumpen des verbrauchten Wassers aus den Becken zieht ebenfalls negative Effekte nach sich. Angereichert mit organischem Material verändert es die Umweltbedingungen und Lebenszyklen in den umgebenden Gebieten. Verschmutzung und Eutrophierung der Küstengewässer sind die Folge. Im Golf von Thailand verursachten die Einleitungen eine großflächige Giftalgenblüte.

Die Massentierhaltung erzeugt darüber hinaus weitere Probleme. Die Produktion unter Extrembedingungen erfordert den Einsatz von Pestiziden und Fungiziden. Die unter Dauerstress stehenden Tiere - bis zu 300.000 Exemplare auf weniger als einem Hektar - sind sehr anfällig für Parasiten und Krankheiten. Innerhalb kurzer Zeit kann eine Infektion den gesamten Garnelenbestand töten. über das Austauschwasser infizieren sich die benachbarten Betriebe. Als Gegenmittel verwenden die Züchter prophylaktisch u.a. große Mengen von Antibiotika, von denen 70 - 80 Prozent letztlich in die Umwelt gelangen (Greenpeace 1995). Die Auswirkungen dieser freigesetzten Substanzen auf das marine Leben sind noch weitgehend unbekannt. Sicher ist jedoch, daß sich langfristig die Resistenz der Erreger erhöht und die Medikamente auch für den menschlichen Gebrauch ihre Wirkung verlieren.

Die intensiven Zuchtanlagen gefährden als Brutstätte von Krankheiten natürlich auch die Wildpopulationen der Garnelen. Dies ist gerade für Shrimpszüchter problematisch, da sie für die Auffrischung ihrer Bestände auf Garnelen aus der Natur angewiesen sind. Sie fangen Larven oder Jungtiere aus Wildpopulationen zur Aufzucht in den Becken oder halten wilde Weibchen in speziellen Brutanlagen, um eigene Zuchtstämme aufzuziehen. In einigen Ländern führte die Befischung des Nachwuchses zu Zuchtzwecken bereits zu starken Fangeinbußen der Hochsee- und Küstenfischerei. Im Kampf gegen Virusinfektionen wird zur Zeit versucht, mit Hilfe der Gentechnologie resistente Arten zu entwickeln. Was die Freisetzung derart veränderter Organismen oder der im Chemiecocktail der Zuchtbecken möglicherweise entstandenen Mutationen in der Umwelt bewirken kann, ist noch unbekannt.

Erst auf den zweiten Blick werden die Gefahren deutlich, die durch die wachsende Futtermittelindustrie entstehen. Intensive und halb-intensive Zucht basieren größtenteils auf der Verfütterung von Fischmehl, dessen verheerende Auswirkungen auf die ökologie der Meere und die Fangerträge der Fischerei hinlänglich bekannt sind. Neben den Verlusten der Küstenfischer durch den Massenfang zur Fischmehlproduktion sind es aber auch die Fabriken selbst, die durch Abwässer die Küstengebiete vergiften und ihren Brennstoffbedarf durch Abholzung der Mangrovenwälder decken - und so die Umweltprobleme der Region weiter verstärken.

Die durch den Ausbau der Aquakultur entstehenden Umweltschäden verändern auch tiefgreifend die Lebenssituation der lokalen Bevölkerung. Die traditionellen Dorfstrukturen sind den Lebensbedingungen der Küstenregionen angepaßt und vom Erhalt der natürlichen Ressourcen abhängig. Naturzerstörung bedeutet entsprechend fast immer auch die Vernichtung der Lebensgrundlagen der Menschen. Dies gilt besonders für die Mangrovenwälder, die für die dörflichen Gemeinden von existenzieller Bedeutung sind. Fast jeder Bereich des täglichen Lebens basiert auf Rohstoffen aus den Wäldern. Sie liefern Baumaterial für Häuser und Boote, Faserstoffe, Brennholz und sind wichtige Nahrungsquellen. Die Kleinfischerei basiert in hohem Maße auf dem Fischnachwuchs aus den Mangroven. Krabben, Schalentiere, Nutzpflanzen, Honig und sogar Medikamente gewinnt die ansässige Bevölkerung aus diesem Lebensraum. Gerade die ärmsten Bevölkerungsschichten sind als Fischer und Muschelsammler vollständig vom ökosystem Mangrovenwald abhängig (Meyerhöfer 1995).

Paradoxerweise kommt es in einigen Gegenden sogar zu einer Eiweißunterversorgung : Die bisherigen Ressourcen wurden zerstört und die teuren Zuchtgarnelen sind für die lokale Bevölkerung unerschwinglich. In Ecuador beispielsweise erreichen die Fangerträge der Küstenfischerei aufgrund der Shrimpsfarmen nur noch 10 bis 20 Prozent der früheren Menge (Accion Ecologica 1997).

In Thailand zeigten sich die Auswirkungen einer "Goldrauschstimmung" (Dallimore 1997). Die außerordentlichen Gewinne der ersten Jahre sorgten für hohe Löhne und einen Zuzug von Wanderarbeitern an die Küsten. In kürzester Zeit entstand eine Futtermittel- und Verarbeitungsindustrie, die einen Boom in allen Bereichen der lokalen Wirtschaft auslöste. Die negativen Folgen wurden schnell sichtbar: Der Massenzuzug überforderte die lokale Infrastruktur. Straßen, Wasserversorgung und Kanalisation waren, soweit überhaupt vorhanden, dem Ansturm nicht gewachsen. Slumähnliche Siedlungen entstanden, Malaria und Cholera breiteten sich aus. Der ständig wachsende Straßenverkehr wurde ebenso zum Problem wie die steigende Kriminalität und das Auseinanderbrechen des sozialen Gefüges. Das Nebeneinander von schnellem Reichtum, Armut und der Hoffnung auf ein besseres Leben verstärkten Alkoholkonsum, Prostitution und Glücksspiel. Da der Zusammenbruch der Zuchtfarmen meistens nur eine Frage der Zeit war, war auch der erhoffte Wohlstand nur von kurzer Dauer. Zurück blieben meist zerstörte Landschaften und soziale Probleme.

Trotz solcher Szenarien erreichten die Konflikte in Thailand bislang nicht die Schärfe wie in anderen Ländern, wo oft mit massiven Menschenrechtsverletzungen gegen die Küstenbewohner vorgegangen wird. Allein im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh sollen innerhalb von drei Jahren 48.000 Menschen aus ihren Dörfern an der Küste vertrieben und so zur Migration in die Städte gezwungen worden sein. Rechtlich möglich wird diese Vernichtung von Lebensgrundlagen durch die Umwandlung ungeschützter gemeinschaftlicher Nutzung von Staatsland in Privateigentum. Gewohnheitsrechtliche, traditionelle Ansprüche werden dabei ignoriert.

Seit Beginn der neunziger Jahre, mit der öffnung des Marktes für ausländische Investoren, fördert die indische Regierung die Ansiedlungen von Shrimpsfarmen. Mindestens tausend Kilometer indischer Küste wären für Aquakulturen geeignet. Das größtenteils in Staatsbesitz befindliche Land wird zum Verkauf angeboten. Da die Küstengemeinden in den meisten Fällen das Geld nicht aufbringen können oder mit dem Versprechen auf Arbeit und Wohlstand geködert werden, geht der Zuschlag an fremde Investoren. Diese wandeln Mangrovenwald und Reisfelder in Teichanlagen um und umzäunen die oft viele Hektar großen Gebiete. Der Bevölkerung erschweren diese Anlagen den Zugang zu Straßen und Nachbarorten und machen kilometerlange Umwege erforderlich. Gewaltsame Auseinandersetzungen um die Nutzung der Strandzone zwischen Fischern und Züchtern sind an der Tagesordnung (vergl. Hünnighaus, in Ökozidjournal Nr.13).

Die Farmen beeinträchtigen die Nahrungsmittelversorgung und Erwerbstätigkeit in der gesamten Region. Nicht nur die Teichflächen sind für eine landwirtschaftliche Nutzung über viele Jahre unbrauchbar, auch umliegende Agrarflächen sind durch Versalzungprozesse, Chemikalien und das Absinken des Grundwassers gefährdet. Der Mangrovenverlust und giftige Abwässer schaden der Fischerei. Krankheiten und Allergien treten, besonders bei Kindern, vermehrt auf. Die sozialen Auswirkungen der Zerstörung machen indische Umweltgruppen an einem Modell deutlich. Danach entstehen auf jeder Shrimpsfarm durchschnittlich 15 Arbeitsplätze. Weitere 50 Personen werden benötigt, um die Sicherheit der Anlage zu gewährleisten. Demgegenüber sind 50.000 Menschen von Landverlust, Entzug ihrer traditionellen Lebensgrundlagen und Ernteeinbußen negativ betroffen (Shiva 1995).

Angesichts der möglichen Gewinne dieses Geschäfts werden die Grenzen zur Illegalität schnell überschritten. Aus Indien, aber auch aus anderen Teilen der Welt ist bekannt, daß Polizeibehörden und staatliche Entscheidungsträger eng mit den Farmbetreibern zusammen arbeiten, wenn es um die Vergabe von Landtiteln und die Beseitigung von Widerspruch geht. Straftaten bis hin zu Mord werden gedeckt und die Betroffenen systematisch eingeschüchtert. Mit dem Einsatz von Bulldozern und bewaffneten Wächtern wird die Bevölkerung vor vollendete Tatsachen gestellt.

In Ecuador, das bereits den größten Teil seiner Mangrovenwälder an die Shrimpsfarmen verloren hat, ist die widerrechtliche Landaneignung besonders gravierend. Nach offiziellen Angaben sind 75 Prozent der Farmanlagen illegal, werden aber von den örtlichen Behörden stillschweigend toleriert (Accion Ecologica 1997). Auch im südlichen Bangladesh sorgten Bestechungsgelder dafür, daß die Ermittlungen zum Tod von mehr als hundert Menschen, die bei Konflikten mit Garnelenzüchtern ums Leben kamen, eingestellt wurden (ISA Net).

Die fatalen sozialen und ökologischen Auswirkungen der industriellen Shrimpsproduktion belegen drastisch, daß sich die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt haben. Dies hat auch die FAO erkannt und erarbeitet einen Kriterienkatalog zum verantwortungsvollen Umgang mit Aquakulturen. Weiterhin wird in der Nutzung mariner Ressourcen ein wesentlicher Ansatz zur Lösung globaler Ernährungsprobleme gesehen. In Zeiten rückläufiger Fischereierträge gilt die Aquakultur als Produktionsform der Zukunft. Gegenwärtig entwickelt sich die Shrimp-Aquakultur allerdings mehr und mehr zum Großverbraucher von Protein. Im Jahr 2000 werden 20 Prozent des weltweit erzeugten Fischmehls in Garnelenzuchtfarmen verfüttert werden und damit den Druck auf die Fischbestände weiter erhöhen. Das Produktionsverhältnis beträgt in etwa 3 : 1. Das heißt, daß zur Herstellung von einem Kilogramm Shrimps drei Kilogramm tierisches Eiweiß eingesetzt werden (ASW 1997). Hinzu kommt, daß die Zuchtbetriebe auch die Wildbestände keineswegs entlasten. Allein der Larvenfang beinhaltet oft die fünfzigfache Menge an Beifang und gefährdet so auch andere Krebstier- und Fischarten.

Immer deutlicher zeigen sich auch die indirekten Folgekosten, die eine kommerzielle, exportorientierte Garnelenzucht für viele Länder zu einem volkswirtschaftlichen Verlustgeschäft werden lassen. Einbußen in anderen Wirtschaftsbereichen wie Fischerei und Landwirtschaft, Verelendung in den Städten als Folge der Landflucht und nicht zuletzt enorme Kosten für den früher oder später notwendigen Küstenschutz relativieren das Kosten- Nutzen-Verhältnis drastisch. Nach Schätzungen der FAO beziffert sich allein der Verlust an fruchtbarem Boden auf mehrere hundert Millionen US Dollar (FAO 1997).

Angesichts der betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen scheint eine Lösung der Probleme nur schwer vorstellbar. Die FAO sieht das "nomadic farming" als Strukturelement der Shrimpszucht. Das heißt im Klartext, daß die Betreiber keinerlei Verantwortung für nachhaltige Produktion übernehmen müssen. Sobald sich an einem Standort die Zucht nicht mehr lohnt, zieht man einfach weiter. Die ökologischen und sozialen Folgekosten, die gerade unterprivilegierte Gesellschaftsgruppen belasten, läßt man der örtlichen Bevölkerung zurück.

All diese Faktoren machen die industrielle Shrimp-Aquakultur in ihrer jetzigen Form zu einem Paradebeispiel für eine nicht nachhaltige Entwicklung. Und der gegenwärtige Trend zur Ausbreitung der Aquakultur setzt sich trotz aller Probleme unvermindert fort. Internationale Entwicklungsbanken fördern in Kooperation mit Regierungen weiterhin die Neuansiedlung von Zuchtfarmen in den Tropen. Aufgrund niedriger Kosten und billiger Arbeitskräfte drängt die Shrimpsindustrie zur Zeit verstärkt nach Lateinamerika und Afrika (Heblik 1997). Mittlerweile findet man diese Farmen in mehr als 50 Ländern.

Angesichts der katastrophalen Folgen der Shrimpsfarmen formiert sich inzwischen erheblicher Widerstand. Aus allen Teilen der Welt wird von Protesten und Demonstrationen gegen die Ausbeutung der Ressourcen und die Vertreibung lokaler Bevölkerung berichtet. In Ecuador und Indien haben die Betroffenen bereits erfolgreich interveniert und haben auch international Aufmerksamkeit erregt. Den bisher größten Erfolg erzielte die indische Widerstandsbewegung im Dezember 1996, als der oberste Gerichtshof des Landes alle Zuchtfarmen innerhalb einer 500 Meter Zone entlang der Küste für illegal erklärte. Dies betrifft etwa 90 Prozent der Anlagen. Grundlage der Entscheidung ist ein Gesetz zum Küstenschutz. Ob es allerdings jemals zu Entschädigungszahlungen kommen wird, bleibt fraglich, da die indische Garnelenlobby, aufgeschreckt durch das Urteil, Ausnahmegesetze für Shrimpsfarmen durchsetzen will. Weniger erfolgreich ist man in anderen asiatischen Ländern, wo jede Form von Kritik gewaltsam unterdrückt wird, beispielsweise in Indonesien.

Die Formulierung von Umweltgesetzen in den Produzentenländern reicht im übrigen bei weitem nicht aus, um die Situation zu verbessern. In Thailand gibt es solche Gesetze seit geraumer Zeit und auch in Ecuador ist der Holzeinschlag in Mangrovengebieten seit 1994 verboten (Cherrez Accion Ecologica 1997). Es fehlt aber an staatlichem Interesse und an Möglichkeiten zur Durchsetzung dieser Vorschriften. Auch FAO-Richtlinien zum verantwortungsvollen Umgang mit Aquakulturen sind relativ wertlos, wenn sie nicht einmal bei international finanzierten Entwicklungsprojekten Anwendung finden.

Umwelt- und Menschenrechtsgruppen fordern deshalb als ersten Schritt ein globales Moratorium für die weitere Expansion kommerzieller Shrimpsfarmen und eine Bestandsaufnahme der bisherigen Schäden. Die Verantwortung liegt hier auch bei den Hauptimportländern von tropischen Shrimps, den Vereinigten Staaten, Japan und der Europäischen Union. Von dieser Seite müssen wesentlich deutlichere Signale und Stellungnahmen zur Durchsetzung einer nachhaltigen, natur- und sozialverträglichen Produktion erfolgen, zu der sich diese Staaten doch in vielen übereinkommen verpflichtet haben.

Dem EU-Markt kommt eine besondere Bedeutung zu, da hier der Verbrauch tropischer Garnelen ständig steigt.Gerade in Deutschland findet man zunehmend Gefallen an den Riesengarnelen, die mittlerweile in fast jedem Supermarkt relativ günstig zu bekommen sind und deren Konsum in den letzten Jahren zweistellige Zuwachsraten aufwies (Meschke 1997). Hier ist nicht zuletzt der Endverbraucher gefordert, Verantwortung zu zeigen. Obwohl es bisher keine Herkunftsnachweise für tropische Shrimps gibt, darf es als sicher gelten, daß das Angebot hierzulande aus Raubbau stammt. Eine umweltverträgliche Shrimpsproduktion für den Exportmarkt ist nicht in Sicht. Auch der Garnelenfang ist in diesem Zusammenhang keine umweltschonende Alternative, trotz des sporadischen Einsatzes von TEDs (s. Kasten). Zu deren Entwicklung haben übrigens massive Verbraucherproteste in den USA maßgeblich beigetragen. Um auch ein Zeichen gegen die Vernichtung von Lebensräumen durch die industrielle Shrimpszucht zu setzen, kann nur empfohlen werden, den Boykottaufrufen aus dem Süden (u.a. von Accion Ecologica, Ecuador und Campaign against Shrimp Industries, Indien) zu folgen und auf diese Produkte zu verzichten.

Literatur :

Quelle: Ökozidjournal 16 (Bezug, ARA, August-Bebel-Str. 16-18, 33602 Bielefeld)