Shrimps oder Garnelen

Bis zu 30 Kilogramm Beifang für eine Handvoll Garnelen

Die Garnelenfischerei erreichte 1993 mit einer Fangmenge von über zwei Millionen Tonnen den bisherigen Höchstwert. Seitdem sind die Erträge rückläufig. Nahezu alle bekannten, nutzbaren Shrimpsbestände werden bis an maximal mögliche Grenzen ausgebeutet, oft auch darüber hinaus, und es ist unwahrscheinlich, daß weitere bedeutsame Ressourcen in den nächsten Jahren entdeckt werden (FAO 1990).

Die tropische Shrimpsfischerei zielt hauptsächlich auf die Langschwanzkrebse der Gattung Penaeus. Etwa 40 Arten machen den größten Teil der Fänge aus. Der Lebenszyklus dieser Tiere umfaßt eine Jugendphase im Bereich der Küstenzone, häufig in Mangrovengebieten mit Süß- und Brackwassereinfluß, und das spätere Leben in tieferen Meereszonen. Sie sind nachtaktive Bodenbewohner, die sich tagsüber in weichem Untergrund eingraben. Um sie zu fangen, werden Schleppnetze eingesetzt, die den Meeresboden "umpflügen" und die Garnelen mitreißen. Diese Netze haben verheerende Auswirkungen auf das ökosystem des Meeres. Sie zerstören die fragilen Lebensgemeinschaften am Meeresgrund und gefährden besonders den Nachwuchs verschiedener Fischarten. Die Menge an unerwünschtem Beifang ist dabei außergewöhnlich hoch. Nach Schätzungen der FAO gehen etwa 35 Prozent aller bei der kommerziellen Fischerei anfallenden Beifänge auf Shrimpsfang zurück (FAO 1994). Dies entspricht einer Menge von 9.5 Millionen Tonnen Meeresbewohnern, die tot oder sterbend ins Meer zurückgeworfen werden. Darunter Fische, Seesterne, verschiedene Krebsarten, Muscheln und Tintenfische, aber auch Schildkröten, Robben und Kleinwale. Die industrielle Garnelenfischerei ist damit die derzeit mit Abstand verschwenderischste Form der Fischerei. Im internationalen Durchschnitt kommen auf ein Kilogramm Shrimps 5,2 Kilogramm an ungenutztem Fang. Die Werte variieren, steigen aber für einige Regionen auf 1 : 20 bis 1 : 30 an (FAO 1990).

Bodenschleppnetze kommen hauptsächlich bei den großen Trawlerflotten zum Einsatz. Die wirtschaftliche Attraktivität des Shrimpshandels forcierte den Aufbau solcher, speziell für den Garnelenfang ausgerüsteter Schiffe, die stark motorisiert und mit Kühlkammern ausgestattet, mehrere Wochen auf See bleiben können. Hier machen sie Jagd auf die ausgewachsenen Tiere, die die besten Marktpreise erzielen. Um die Stauräume für die wertvolle Garnelenfracht freizuhalten, werden andere, gleichfalls nutzbare Arten nicht verwertet. Denn gerade in den Ländern der Tropen fängt die industrielle Shrimpsfischerei größtenteils für den Export.

Unter der Expansion dieser Industrie leidet die traditionelle Fischerei der im Küstenbereich ansässigen Bevölkerung. Für die Selbstversorgung und den Bedarf lokaler Märkte ist die Garnelenfischerei in vielen tropischen Ländern bedeutsam und hat eine lange Tradition. Eine Vielzahl von Techniken kommt hier zum Einsatz, die der Beschaffenheit der Küste, dem Wetter und den Jahreszeiten angepaßt sind. Die eingesetzten Boote sind häufig klein und nicht motorisiert, in Lagunen und Kanälen wird zeitweise auch mit fest installierten Barrieren gearbeitet. Auch richtet sich diese Fischerei nicht ausschließlich auf Garnelen, sondern wird häufig mit dem Fang verschiedener Fischarten kombiniert. Fast der gesamte Fang wird genutzt.

Die Einfachheit der Technik hält die Produktionskosten niedrig. Da die Küstenfischerei aber vornehmlich die küstennahen Jungtierbestände nutzt, sind auch die Gewinne geringer. Die gefangenen Exemplare sind kleiner als die Fänge der Industriefischer und der Marktwert entsprechend niedriger ( etwa 1 : 4,5 Dollar pro Kilogramm an der Elfenbeinküste). Das gemeinsame Befischen der begrenzten Shrimpsressourcen durch traditionelle Fischer und Industrie ist seit Jahren Ursache zahlreicher Konflikte. Die Trawlerflotten sind bekannt dafür, daß sie das Fangequipment der Kleinfischerei auf ihren Wegen durch küstennahe Gewässer zerstören. Es besteht die Befürchtung, das Abfischen der Junggarnelen auf ihrem Weg ins tiefe Meer gefährde die Bestände.

Das Wachstum der industriellen Shrimpsfischerei ist für die lokalen Fischer in doppelter Hinsicht problematisch.Viele wirtschaftlich wertvolle Arten werden durch die riesigen Beifangmengen drastisch reduziert. Als Müll über Bord geworfen, fehlen sie sowohl der Kleinfischerei, als auch den auf sie spezialisierten Fangflotten. Doch auch die gelegentliche Vermarktung des ungewollt erbeuteten überschusses kann sich für die Fischer fatal auswirken. Der Beifang aus den Bodenschleppnetzen überschwemmt mit Dumpingpreisen die lokalen Märkte und bedroht ihre berufliche Existenz.

Neben wirtschaftlichen Einbußen für die Betroffenen stellen industrielle Shrimpstrawler vor allem eine Gefahr für die Artenvielfalt und das ökologische Gleichgewicht der Meere dar. Das unselektive Abfischen bringt viele Meeresbewohner an den Rand der Ausrottung. Das bekannteste Beispiel hierfür sind die Meeresschildkröten. Alle Arten dieser Reptilien werden als in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht eingestuft. Besonders die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata), von der in den letzten Jahren Millionen für die Produktion von Schildpatt getötet wurden, und die Graue Bastardschildkröte (Lepidochelys kempi), deren Bestand auf nur noch etwa 500 Tiere geschätzt wird, könnten in naher Zukunft auf Restbestände in Schauaquarien dezimiert werden. Die Anzahl der Schildkröten, die in den Schleppnetzen der Garnelenfischer sterben, ist so hoch, daß diese Fangmethode entscheidenden Anteil am Rückgang einiger Bestände hat. So wurde dieser Beifang als die bedeutendste Todesursache für Meeresschildkröten in den USA identifiziert (National Research Council 1992).

Der politische Druck der letzten Jahre bewirkte die Entwicklung von speziellen Auffangsystemen, den Turtle Excluder Devices (TEDs), die den Beifang von Schildkröten, reduzieren sollen. Obwohl der Einsatz solcher Geräte seit 1987 in der US-Shrimpsfischerei vorgeschrieben ist, stößt er noch bei vielen Garnelenfischern auf Kritik (FAO 1994). Sie befürchten einen Rückgang der Fangerträge und Beschädigungen der Ausrüstung. Nach Jahren der Entwicklung arbeiten die TEDs mittlerweile recht erfolgreich. Unter günstigen Bedingungen können etwa 90 Prozent der Schildkröten den Netzen entkommen und auch die Beifangrate anderer mariner Arten kann, abhängig von Fangzeit und Region, um bis zu 60 Prozent reduziert werden.

Um die Verwendung der TEDs international voranzutreiben, verhängten die USA 1996 ein Einfuhrverbot für Garnelenprodukte aus einigen asiatischen Staaten, darunter Thailand und Indien. Die Fangflotten dieser Länder verwenden die TEDs bisher nicht. über die Rechtmäßigkeit dieses Verbots wird zur Zeit bei der World Trade Organisation (WTO) verhandelt. Thailand macht dabei geltend, daß bereits mehr als die Hälfte seiner Shrimpsproduktion keine Wildfänge sind, sondern aus Zuchtfarmen stammen. Im März diesen Jahres unterlagen die USA in der ersten Instanz. Sollte das WTO-Schiedsgericht diese Entscheidung in der zweiten Instanz bestätigen, dann müssen die Importbeschränkungen aufgehoben bzw. Schadensersatz geleistet werden.

Quelle: Ökozidjournal 16 (Bezug, ARA, August-Bebel-Str. 16-18, 33602 Bielefeld)