von Jürgen Wolters
"Für die Menschen in Asien und Lateinamerika wäre ein Boykott von Shrimps in Europa ein wichtiges Signal, mit dem sie politischen Druck ausüben könnten. Einen Boykott nehmen Politiker und Aquakulturbetreiber wahr. Alles andere, was sonst in Europa zum Shrimpsproblem getan wird, übersehen sie einfach". Das ist die Meinung des "Mangrove Action Network". Wir vom Ökozidjournal schließen uns diesem Aufruf zum Boykott von Zuchtgarnelen vorbehaltlos an. Die Begründung im Detail liefert Ihnen der nachfolgende Hintergrundartikel.
Die Zucht von Garnelen ist zu einem Riesengeschäft für eine kleine Minderheit geworden, in Afrika, in Lateinamerika und zunehmend auch in Afrika. Vor wenigen Monaten erhielt beispielsweise ein irischer Investor die Genehmigung zur Errichtung einer Garnelenfarm im tansanischen Rufiji-Delta, dem einzigen noch unberührten Delta der gesamten ostafrikanischen Küste - natürlich gegen die Interessen der heimischen Bevölkerung und gegen den Protest der Umweltbehörde. Ein Dominoeffekt wird hier ebenso wenig ausbleiben, wie er in Küstenregionen Südostasiens oder Lateinamerikas zu beobachten war.
Die ersten Garnelenfarmen wurden einst mit der Begründung errichtet, einen Beitrag zur Eiweißversorgung der lokalen Bevölkerung leisten zu wollen. Die Wahrheit ist längst eine andere. Wie Krebsgeschwüre fressen sich Shrimpsfarmen durch zahlreiche Flachküstensäume der Tropen. Und die lokale Bevölkerung profitiert nur in den allerseltensten Fällen von der Zucht der Schalentiere, die praktisch ausschließlich in den Export gehen: nach Japan, in die USA und längst auch in großem Maß nach Europa. Zurück bleibt immenser Schaden an der Natur, insbesondere an den empfindlichen und ökologisch so bedeutsamen Mangrovenwäldern, und tief greifendes soziales Elend infolge der Zerstörung der traditionell genutzten natürlichen Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung.
Waren die Riesengarnelen vor Jahren noch Exklusivitäten in Feinschmeckerrestaurants, so "zieren" sie heute die Speisekarten unserer Gaststätten in allen Variationen, fehlen in keiner Auslage von Fischgeschäften. Shrimpscocktail, gegrillte oder flambierte Shrimps - wer heute Stil zeigen will, enthält seinen Gästen die Krabbenschwänze nicht vor. Unwissend wahrscheinlich, daß wir damit zu einem Teil des Problems geworden sind.
Dabei liegen alle Fakten und Forderungen auf dem Tisch: sofortiger Stop des Baus neuer Shrimpsfarmen, Umstellung sämtlicher bestehender Betriebe auf eine ökologisch verträgliche, nachhaltige Produktion, keine weitere Nutzung ökologisch sensibler Gebiete u.s.w.. Selbst die Welternährungsorganisation FAO, ehemals starke Befürworterin des Aufbaus von Aquakulturen, hält Korrekturen für dringend überfällig. Ein wichtiger erster Schritt könnte schon die Einführung einer klaren Herkunftskennzeichnung oder eines Produktsiegels sein. Nur, es geschieht nichts. Und es wird wohl angesichts des Riesenexportgeschäftes auch nichts geschehen, wenn die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen nicht durch einen kategorischen Boykott der Verbraucher zum Handeln gezwungen werden. Boykott scheint im Moment das einzige erfolgversprechende Mittel, um dem üblen Treiben dieser Aquakultur-Wirtschaft ein Ende zu bereiten.
Es wäre nicht das erste Mal, daß Druck von Seiten der Verbraucher Wirkung gezeigt hätte. Erinnert sei an den Boykott isländischer Produkte wegen der Unwilligkeit des Landes, das internationale Walschutzübereinkommen mitzutragen, den Boykott von Froschschenkeln oder auch den demonstrativen Verzicht auf Tropenholz - über den sich gerade in unserem Lande viele vermeintliche Fachleute mit der Begründung erzürnten, ihn als das falsche Signal für nachhaltige Waldbewirtschaftung entlarvt zu haben. Dabei war er es und nicht fachliche überzeugungskraft von forstwissenschaftlicher Seite, der dazu führte, daß inzwischen wenigstens einige Tropenholz-Exportländer konkret über nachhaltige Formen der Waldbewirtschaftung nachdenken.
Ein Boykott ist ein aktiver, ein bewußter Verzicht auf bestimmte Produkte. Er beinhaltet nicht nur eine Veränderung des eigenen Konsumverhaltens, sondern auch das Eintreten für den Verzicht gegenüber Dritten. Wenn es uns gelingt, durch den Boykott von Shrimps spürbare wirtschaftliche Verluste in einschlägigen Wirtschaftskreisen zu erzeugen, dann wird dies das effizienteste Mittel für eine Veränderung der dramatischen ökologischen wie sozialen Mißstände sein, die mit dem ebenso lieb gewordenen wie unverantwortlichen kulinarischen Genuß verbunden sind. Also: Boykott von Shrimps, was sonst !